12 von 12 – die Erste

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Kann man einen Roman schreiben, wenn der Buchstabe U auf der Schreibmaschine fehlt?

Das erste Buch aus meinem „Buchabo“ ist bereits gelesen (ja, ich habe Urlaub und da genieße ich es sehr, dass auch Zeit zum Lesen dabei abfällt). Mein Februar-Buch ist das jüngste Buch der österreichischen Autorin Judith W. Taschler, Roman ohne U. (Näheres zum Buch unter anderem hier: Hoehlsche Buchhandlung – Roman ohne U).

„Die Schreibmaschine funktioniert noch einwandfrei. Nur das U macht Faxen.“
So beginnt ein gebrochener Mann Mitte der Sechziger Jahre, nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, seine Aufzeichnungen, den Roman ohne U. 1945 wurde er nach einem Dummejungenstreich in ein sibirisches Arbeitslager verschleppt. Mit der Pianistin Ludovica wagt er schließlich eine abenteuerliche Flucht.
Jahrzehnte später erhält die Biografin Katharina Bergmüller, Mutter von vier Kindern, den Auftrag, aus diesen Erinnerungen ein Buch zu verfassen. Lange Zeit kann sie die Zusammenhänge zwischen dem Roman ohne U und der Geschichte ihrer Familie nicht erkennen. Dann stellt der Unfalltod ihres Mannes ihr Leben völlig auf den Kopf.“

Das ist das, was der Klappentext verrät. Was habe ich nun gelesen: Zwei Geschichten, zeitlich und handlungsmäßig ineinander verschränkt, die aufeinander zulaufen. Wie sie das tun, das löse ich nicht auf, das soll selber lesen, wer mag. Mehrere Erzählende (im Wechsel und auf wechselnden Zeitebenen). Eine grausame Geschichte aus dem GULAG, dieser gegenübergestellt eine Entwicklungs-, Liebes-, Familien- und Ehegeschichte. Ein Buch mit allen Elementen, die es für einen echten „Pageturner“ braucht. Dazwischen ein auktorialer Erzähler oder eine Erzählerin, die Leser oder Leserin ab und zu direkt, in der Sie-Form, anspricht. Die Geschichte selbst wird von rückwärts erzählt. Es gelingt der Autorin dabei, die Personen so zu zeichnen, dass die Entwicklungen trotz der unterschiedlichen Zeitebenen noch deutlich nachvollziehbar bleiben.

Etwas irritiert hat mich die Art und Weise, wie die einzelnen Personen am Anfang vorgestellt werden. Alle nach dem selben Muster und gleich ausführlich, egal welche Funktion die einzelne Person für den Roman hat. Insbesondere gilt mein Irritiert-Sein der Vorstellung der Kinder von Katharina, die zwar aufgrund ihrer Existenz eine Funktion für den Roman haben, nicht unbedingt jedoch aufgrund ihrer individuellen Eigenschaften. Das ist eines der Elemente, das – zumindest für meinen Geschmack – den erhobenen Zeigefinger des auktorialen (allwissenden) Erzählers überdeutlich macht. Passagen wie diese hier: „Sehen Sie? Familien dieser Art gibt es zu Hundertausenden in ganz Europa, vermutlich in der ganzen Welt“, sind mir persönlich eher zu „pädagogisch“.

Der Roman ist verschachtelt und multiperspektivisch konstruiert. Ich habe schon in der Mitte recht deutlich herausspüren können, wo es vermutlich hinläuft (und ich habe mich nur geringfügig verschätzt). Die Schlusswendung fand ich dann ziemlich gewaltsam konstruiert, ich verrate hoffentlich nicht zu viel, wenn ich schreibe, dass es etwas von „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ hatte.

Trotzdem habe ich das Buch nicht ungerne gelesen. Die Themen an sich (Familiengeheimnisse, Historisches und „Menschliches“) waren interessant und es gab einen spürbaren Spannungsbogen. Mancher nebensächlicher Handlungsstrang hätte vielleicht weniger lang ausgeführt werden können.

Mein Fazit: Ich habe das Buch an einem Urlaubstag gelesen und dafür ist es genau richtig. Große Literatur ist es nicht, aber ich habe mich gut unterhalten gefühlt und konnte enspannt lesen. Genau das, was ich in dem Moment, als ich das Buch las, brauchte.

Von der Schreibmaschine mit dem fehlenden U, die ja immerhin den Titel des Romans bildet, hätte ich allerdings mehr erwartet. Sie war lediglich ein Versatzstück. Der Titel hat bei mir die Erwartung geweckt, dass der Schreiber auf der Schreibmaschine tatsächlich den sprachlich interessanten Versuch unternimmt, einen Roman ohne den Buchstaben U zu schreiben. Aber das wäre wohl zu viel verlangt gewesen.

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