Vom Vorlesen und Nicht-Schreiben

Schon der erste Roman des Schriftstellers Jan Brandt, sein Debüt „Gegen die Welt“ hat mir sehr gut gefallen. Seine lakonisch-skurrile Erzählung über eine Jugend in dem fiktiven ostfriesischen Dorf Jericho zur Wendezeit, die durch nicht nur durch typographische Eigenheiten (unter anderem eine Passage mit verblassender Schrift, die wohl zu zahlreichen Reklamationen im Buchhandel geführt hat oder ein Teil, in dem zwei Geschichten nebeneinander her und aufeinander zulaufen), sondern auch durch den sehr besonderen „Helden“ Daniel Kuper besticht, hat mich sehr schnell gefangen genommen.

Daher war ich auf das zweite, jüngst erschienene Buch „Tod in Turin“ gespannt. Hier begibt sich der Autor mit seinem Erstlingswerk, das im Lauf des Buches je nach Situation schon mal den Namen wechselt („Gegen die Gänse“, „Gegen die Liebe“ etc.) auf Lesereise quer durch Deutschland, unternimmt in London den Versuch, seine Schreibhemmung zu überwinden und begibt sich für ein Wochenende auf seine persönliche „italienische Reise“, um auf der Buchmesse in Turin für sein Buch zu werben.

„Nirgendwo ist die Einsamkeit größer, als dort, wo man von vielen gleichgesinnten Menschen umgeben ist. Überall in den großen, weiten Hallen sitzen Autoren, sprechen über ihre Bücher und kämpfen um die Aufmerksamkeit der Leser, sie sprechen gegen die anderen Autoren an, gegen die Konkurrenz, die jedes Buch darstellt, und kommen sich gleichzeitig elend vor, auf diese Weise für ihr eigenes Werk zu werben.“ (Jan Brandt, Tod in Turin, S. 236)

Jan Brandt erweist sich als scharfsichtiger und scharfzüngiger Beobachter, der die Spitzfindigkeiten und Tücken des Literaturbetriebs ebenso aufs Korn nimmt, wie italienische Supermärkte und Museen, die italienische Verlagslandschaft, Verlegerpersönlichkeiten, Ostfriesenwitze und Schriftstellerkollegen. Es geht ums Schreiben und ums Nicht-Schreiben, um Begegnungen und Nicht-Begegnungen. Intertextuelle Bezüge, Zitate von Italienischen Reisen anderer Autoren, eine Auflistung suizidaler Literaten und kleine Comiczeichnungen von Brandts Londoner Mitbewohner Tom Smith runden das Ganze ab. Besonders habe ich mich über ein Bild gefreut, das einen „melancholischen Minotaurus“ zeigt. Allein für diese Alliteration in Kombination mit der Zeichnung, die scheinbar nebensächlichen Erzählstränge und die für einen Roman inflationär häufig verwendeten Fußnoten, mit denen Brandt das Erzählen in fast Tristram-Shandyesker Weise ad absurdum führt, habe ich dieses Buch sehr liebgewonnen. Auch der Titel, der mich sicher nicht zufällig an Thomas Mann erinnert, passt da wunderbar ins Konzept.

Mein Fazit: Ein intelligentes Spiel mit dem Erzählen an sich und dem Literaturbetrieb, das ebenso wie Brandts Erstling in lakonisch-trockenem, selbstironischen Ton gehalten ist. Ich habe das Lesen dieses Buches eines in Ostfriesland Sozialisierten sicher nicht nur wegen meines eigenen nordwest-niedersächsischen Migrationshintergrund sehr genossen. Jan Brandt? Gerne wieder!

Dieses Buch gehört nicht zu meinem 12-von-12-Deputat. Es ist aber auch ein Geburtstagsgeschenk. Vielen Dank an die Schenkenden!

Details zum Buch

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