Auf Reisen mit dem Tod

Ein weiteres Buch, das zwar nicht aus meiner monatlichen 12-von 12-Geburtstags-Flatrate stammt, das aber auch ein Geburtstagsgeschenk war: Thees Uhlmanns Roman „Sophia, der Tod und ich“. Nach Sven Regner (Element of Crime) betritt mit Thees Uhlmann (Tomte) ein weiterer Musiker aus der lakonisch-norddeutsch geprägten Szene literarisches Terrain. Die Idee seines Buches: Es klingelt an der Tür des Protagonisten, eines melancholischen Enddreißigers, der sich mit seinen gescheiterten Beziehungen weitgehend abgefunden hat. Draußen steht ein Mann, der behauptet, er sei der Tod und der ihm mitteilt, dass ihm nun noch maximal drei Minuten bleiben, um mit seinem Leben abzuschließen. Aber mit dem Sterben läuft es in diesem Fall dann doch ganz anders als geplant. Sehr schnell finden sich der Tod und der Protagonist gemeinsam mit der Ex-Freundin des Letzteren bei schlechten Witzen in einer Kneipe wieder.

Was bei einem anderen Autor zu einem pathetischen, pseudo-philosophischen Herz-Schmerz-Schmankerl hätte werden können, entwickelt sich bei Uhlmann in dem Moment zum skurrilen Road-Movie, als die drei aufbrechen, um bei der Mutter des Erzählers und bei dessen kleinem Sohn Versäumtes und Unaufgearbeitetes geradezurücken. Der Text lebt vor allem von den lakonischen Dialogen und von der Vorstellung der Personifizierung des Todes.

Hier ein Beispiel:

Der Tod sagte: „Es hat geklingelt.“
Ich: „Ich weiß. Ich hab’s gehört.“
Er: „Niemand klingelt, wenn ich bei der Arbeit bin.“
Ich: „Soll ich ihn wegschicken? Ganz schön unhöflich.“
Er: „Niemand KANN klingeln, wenn ich arbeite. Das ist sozusagen … nicht vorgesehen!“
Ich: „Nicht vorgesehen. Nicht vorgesehen … herrlich. Der Tod hat etwas sehr angenehm Deutsches an sich.“
Er: „Was machen wir jetzt?“
Ich: „Der Tod fragt mich, was wir jetzt machen? Wahnsinn. Wir fragen, ob der da vor der Tür Skat spielen kann. Schließlich sind wir dann zu dritt. Kannst du Skat?“
Er: „Nein.“
Ich: „Ich auch nicht.“
Es klingelte wieder. Und zwar lange. Und zwar dringlich. Es ist komisch, das zu sagen, aber in mir regten sich Lebensgeister.
Ich: „Wir machen jetzt die Tür einfach auf.“
Er: „Das geht nicht. So was geht nie. So was passiert nicht. Ich töte dich gerade.“
Ich: „Du wolltest mich gerade getötet haben. So viel Konjunktiv der Vergangenheit aktiv muss sein.“
Er: „Weißt du was? Wir machen jetzt die Tür auf. Endlich mal Leben in der Bude. Ich hab schon viele Tode getroffen und davon gehört, aber ich hab noch nie einen Tod getroffen, dem das passiert ist. Wir gehen jetzt dahin und dann machen wir die Tür auf. Wouhou. So was ist seit Hunderten von Jahren nicht passiert, und jetzt passiert es genau mir. Ich weiß noch nicht, WIE schlecht das ist, dass es klingelt beim Sterben, aber das ziehen wir jetzt durch. Wir machen jetzt die Tür auf. ‚Eh, Luzifer, alte Schwefelzunge, kommst du auch mal wieder rum.‘ Oder: ‚Erzengel Gabriel, top ondulierte Haare. Was machst du hier?‘ Los, wir machen jetzt die Tür auf. Das wird geil!“

Uhlmann setzt sich in diesem Buch mit einem sehr ernsten Thema auseinander, den so genannten „letzten Dingen“. Er tut das mit einem trockenen und sehr lakonischen Humor. Manchmal flapsig, aber immer wieder überraschend, so auch wenn der Tod Vorschläge macht, wie man sich in seinem Angesicht verhält: „Warum nicht Kaffeetrinken und ein grünes T-Shirt tragen?“. Immer präsent ist das Aufwachsen des Protagonisten in den 1980er Jahren in der deutschen Provinz, seine Unbeholfenheit bei allem, was menschliche Beziehungen betrifft – zu Frauen, zu seiner Mutter und besonders zu seinem kleinen Sohn, den er erst kennen lernt, als es eigentlich schon zu spät ist. Der Schluss ist mir allerdings ein wenig zu vorhersehbar geraten und gemessen an der originellen Skurrilität des Gesamttextes vielleicht auch ein Quäntchen zu weit in Richtung Edelkitsch. Das tut allerdings der Tatsache keinen Abbruch, dass ich mich beim Lesen glänzend amüsiert habe und dass unter der humorvollen Oberfläche ein zutiefst ernsthaftes Thema humorvoll und adäquat behandelt wurde.

Fazit: Auch Tod-Sein ist nur ein Job. Wenn auch kein durchweg erfreulicher.

Vielen Dank an die Schenkenden!

Details zum Buch

 

 

 

 

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