Viel mehr als nur „Nazi-Jäger“ und eine Ohrfeige

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Viel mehr als nur ein Erinnerungsband …

Es ist ein dickleibiges Buch geworden: Mehr als 600 Seiten umfassen die Erinnerungen, die Beate und Serge Klarsfeld gemeinsam geschrieben und herausgegeben haben. Trotz seines Umfangs liest es sich jedoch ausgesprochen spannend. Es ist viel mehr als ein reiner Erinnerungsband, es ist ein echtes Zeitdokument, das über mehr als sechs Jahrzehnte Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur und Vichy-Frankreichs berichtet und das zugleich einen einzigartigen Einblick in die Entstehung der europäischen Nachkriegsordnung gestattet.

Die besondere Faszination kommt schon allein durch die personelle Konstellation zustande: Serge Klarsfeld, der aus einer rumänisch-jüdischen Familie stammt und dessen Vater Arno Klarsfeld im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Den „Gegenpol“ bildet seine Frau Beate, die Ende der 1930er Jahre in Deutschland geboren wurde und sich der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres erst bewusst wurde, als sie zu Beginn der 1950er Jahre nach Paris ging. Bekannt wurden beide vor allem durch spektakuläre Aktionen: Durch die Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger, mit der Beate Klarsfeld auf dessen nationalsozialistische Verstrickung aufmerksam machen wollte, durch die Entführung des Gestapo-Chefs von Marseille, Klaus Barbie und durch Hinweise auf andere Nationalsozialisten, die unbehelligt in Deutschland und anderen Ländern lebten (unter anderem Alois Brunner und Kurt Lischka). Doch ihr Leben bestand aus viel mehr als nur aus spektakulären, öffentlichkeitswirksamen Aktionen: Unermüdlich protestierten sie gegen Antisemitismus, sie setzten sich dafür ein, dass NS-Verbrechen juristisch aufgearbeitet werden konnten und sie wiesen unermüdlich auf die Komplizenschaft des Vichy-Regimes mit den Nationalsozialisten hin, in dem sie unter anderem vehement für die Aufklärung der Deportation ausländischer Juden und jüdischer Kinder aus Frankreich stritten und den Opfern in unermüdlicher Kleinarbeit ihre Namen zurückgaben. Und dabei gelang ihnen, mitten im Kalten Krieg, das große Kunststück, sich von keiner ideologischen Seite vereinnahmen zu lassen. Allein diese Haltung verdient großen Respekt.

Das alles lässt sich in diesem Buch ausgezeichnet mitverfolgen. Doch der Band ist zugleich noch etwas anderes als ein reiner Lebensrückblick und Tätigkeitsnachweis mit zeithistorischer Bedeutung: Beate und Serge Klarsfeld schreiben beide ihre Erinnerungen jeweils aus ihrer ganz eigenen Perspektive und diese beiden Perspektiven verschränken sich in dem Buch, sodass beide Sichten nicht nur unverbunden nebeneinander stehen. Was mich beim Lesen besonders berührt hat, ist auch der Blick den beide aufeinander und auf ihre lange Ehe werfen. Hier wird ein großer Respekt, aber auch eine tief empfundene Liebe spürbar. So schreibt Serge Klarsfeld über seine Frau:

„Kurz vor unserer Heirat hatte einer meiner Schulfreunde versucht, mir die Ehe mit Beate auszureden. Einige Tage später aßen sie und ich in einem kleinen russischen Restaurant am Square de la Madeleine zu Mittag. Eine Wahrsagerin bot an, mir aus der Hand zu lesen. Ich hatte das noch nie getant und zögerte, willigte dann aber ein. Sie betrachtete meine Hand, nahm mich beiseite und erklärte: ‚Man hat dir gesagt, heirate diese Frau nicht, aber du musst sie heiraten.‘ Und ich weiß noch genau, was sie dann sagte: ‚Das ist die einzige Frau auf der Welt, mit der du glücklich sein kannst.‘

Nach unserer Goldenen Hochzeit und 54 Jahren Glück kann ich heute bestätigen, dass sie die Wahrheit gesagt hat: Keine andere Frau hätte mir gegeben, was Beate mir gegeben hat, im privaten wie im beruflichen Leben. Zusammen sind wir stark, glücklich, eins; allein hätte wahrscheinlich keiner von uns viel zuwege gebracht. Sie verdankt mir viel, und ich verdanke ihr noch viel mehr … „

Eine wunderbare Liebeserklärung, die aus diesem Buch viel mehr als ein besonderes Zeitdokument macht.

Fazit: Viel Stoff, viel zu „verdauen“, aber eine sehr lohnende und anregende Lektüre. Sehr empfehlenswert für jeden, der sich für deutsch-französische/europäische Zeitgeschichte interessiert und der Interesse hat, hinter die Kulissen der spektakulären Ohrfeigen-Pressebilder zu schauen.

Näheres zum Buch findet man hier.

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