Kein idyllischer Sternenhimmel

Ein Buch mit dem Titel „Sternendeutung“, dessen Autor den Namen Jan Himmelfarb trägt, das ist eine sehr außergewöhnliche und auffällige Kombination. Jan Himmelfarb ist 1985 geboren, „Sternendeutung“ ist sein Debüt.

Himmelfarbs Protagonist ist der Übersetzer Arthur Segal, der sich Anfang der 1990er Jahre seiner eigenen und der Geschichte seiner Familie zu vergewissern versucht. Äußerer Anlass ist sein 51. Geburtstag. Und diese Geschichte ist in vielfacher Hinsicht besonders: Geboren in einem Fluchtzug irgendwo zwischen der Charkow und Taschkent – vielleicht in der Nähe von Stalingrad – entgeht Segal als Jude, der eigentlich schon vor seiner Geburt bereits zum Tode verurteilt ist, nur knapp dem Holocaust. Als Kontingentflüchtling zieht er mit seiner Familie in das Land der Täter und baut sich dort ein gutes Leben als Übersetzer und „einigermaßen seriöser Autoverkäufer“ auf.

Es geht um Vergangenheit und Gegenwart, um Erinnerung und Zukunft, um Generationengeschichte – wichtige Personen sind Mutter und Großmutter Segals sowie die Tochter, die an einer privaten Elite-Universität Betriebswirtschaft studiert und einen deutschen Freund hat – und um den Zufall, der dazu führt, dass der Eine in dem Zug sitzt, der in die „richtige“ Richtung fährt, während die vielen anderen, die Sternenträger, per Zug in den Tod fahren. Und es bleibt die Frage, warum der eine erzählen und nachdenken muss, während die anderen sich lieber mit anderen Dingen, mit der Gegenwart, beschäftigen:

„Doch man kann keine Schwelle überschreiten, die Tür zumachen und so tun, als ließe sie sicht nicht wieder öffnen, als läge dort keine Fußmatte, die man gerade benutzt, keine Treppe, die man gerade hinaufgestiegen wäre. Früher oder später verlässt man die Wohnung, stolpert über die Schwelle, zieht den Türvorleger mit und es ist ein Glück, wenn man nur mit einer Beule auf der Stirn auf dem Treppenabsatz zum Liegen kommt. Wie soll man durchs Leben gehen und so tun, als wäre nichts gewesen, obwohl alles gewesen ist? Die Zunge fliegt, erzählt muss werden; doch was genau? Welche Zeit soll es sein? Und welche Dinge?“ (Himmelfarb, Jan: Sternendeutung, S. 57)

Das Buch ist voller Anspielungen, sowohl geschichtlich als auch literarisch. Geboren buchstäblich auf schwankendem Boden, an einem nachträglich nicht mehr genau zu lokalisierenden Ort und damit heimatlos, erzählt Segal von Dingen und aus Zeiten, die er selbst nicht bewusst erlebt haben kann, so beispielsweise über das Geschehen in Babij Jar und Treblinka, das er so schildert, als wäre er dabei gewesen. Insofern reiht er sich ein in die Reihe der „unzuverlässigen Erzähler“, wie man sie aus Lawrence Sternes „Tristram Shandy“ und Günter Grass‘ „Blechtrommel“ kennt. Zu entdecken sind weiterhin Hinweise auf Johann Wolfgang von Goethe, Imre Kertesz, Raoul Hilberg und viele mehr. Ein vielschichtiger Text, der zum genauen Hinschauen einlädt und der das Erzählen und Erinnern an sich thematisiert. Und auch die Frage nach der Identität: Ist er nun Jude? Oder doch Russe? Und kann sich die Familie damit abfinden, dass die Tochter sich in einen nicht-jüdischen Deutschen verliebt hat? zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Die Angst vor Verfolgung hat Segal nie ganz verlassen. Das zeigt sich an seinem Nachdenken über Brandanschläge auf von Ausländern bewohnte Häuser, die sich zu Beginn der 1990er Jahre häuften und an seiner Wahrnehmung des Lebens im „Lager“, das der sprachgebildete und -bewusste Übersetzer Segal unmittelbar mit der Erinnerung an den Holocaust verknüpft. Und es ist sicher kein Zufall, dass Segal seine Erinnerungsarbeit zwischen dem 51. und dem 54. Geburtstag leistet. Es geht auch um die Lebensmitte, die in besonderer Weise zum Zurückschauen, aber auch zum Vorausdenken einlädt:

„Einstmals ist man das Jüngste gewesen, das gehätschelte Kleine, zarte Fingerchen und Füßchen mit winzigen Nägeln haben sich niedlich bewegt. Dann haben sich Geburtstage gehäuft, und weil alles gut gegangen ist gewissermaßen, werde ich am festlich gedeckten Tisch nunmehr fast der Älteste sein, Mutters Jahre außen vor, weil sie meine hervorgebracht haben. Was bedeutet ein Geburtstag? Eine fröhliche Sause, weil es wieder einmal dreihundertfünfundsechzig Tage lang gut gegangen ist? Oder Trost über den Verfall hinweg, ein Fest des Lebens? Der Anfang der Welt und das Lebensende sind undeutlich. Die Mitte aber ist prosaisch.“ (Himmelfarb, Jan: Sternendeutung, S. 162)

Himmelfarb lässt die Erzählebenen ohne feste chronologische Anordnung gleichsam assoziativ ineinanderfließen. Er beschreibt den Holocaust und das Wunder des Überlebens aus einer Perspektive, die aus unserer deutschen Sicht bisher weitgehend ausgeblendet geblieben ist, nämlich der der „Bloodlands“. Gerade heute, in einer Zeit, in der in Osteuropa vieles in zum Teil brutalem Wandel begriffen ist, ist das Verständnis dieser Perspektive immens wichtig. Wir sprechen häufig von einer „europäischen Idee“, ohne uns bewusst zu machen, dass sich die „Mastererzählungen“ der verschiedenen Regionen stark unterscheiden, dass das Selbstverständnis in den ost-, mittel- und westeuropäischen Staaten auf sehr unterschiedlichen historischen Hintergründen und Sichtweisen beruht. Und Himmelfarb beschwört Bilder herauf, die von großer sprachlicher Vielfalt und einer profunden literarischen Bildung geprägt sind.

Fazit: Dieses Buch – auch ein Geburtstagsgeschenk – ist eine in Teilen etwas sperrige, aber dennoch ungemein lohnende Lektüre. Nähere Informationen zum Buch gibt es hier.

 

 

 

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