Märchenhaft, multiperspektivisch und vielschichtig

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Ob das von mir fotografierte säulenähnliche Grünobjekt tatsächlich ein Machandelbaum (vulgo: Wacholder) ist, möchte ich nicht beschwören. Aber in Verbindung mit dem blühenden Flieder ist er auf jeden Fall hübsch …

„Alles, was geschehen kann, ist auch in Machandel geschehen.“

Ein gutes Motto für einen Roman, der über vierzig Jahre Geschichte und Geschichten erzählt. Machandel – das ist der Titel von Regina Scheers Roman, den ich eigentlich schon lange lesen wollte. Mich fasziniert die Frage des Erinnerns und das Nachdenken darüber, wie verdrängte und verschwiegene Erinnerungen das Weiterleben beeinflussen. Und genau diese Fragen stellt sich auch Regina Scheer in ihrem Roman „Machandel“, in dem sie einen Familiengeschichten-Bogen von den 1930er Jahren bis in die 1990er Jahre spannt.

1985 kommt Clara zum ersten Mal in das Dorf Machandel in Mecklenburg – zusammen mit ihrem Bruder Jan, der kurz danach aus der DDR ausreist. Hier findet sie eine verwunschene Sommerkate, die sie in den nächsten Jahren gemeinsam mit ihrer Familie nutzt. Hier schreibt sie auch an ihrer Dissertation über das Märchen vom Machandelboom. Machandel wird für Clara zu einem mythischen Ort, an dem ihr gelegentlich auch das Gefühl für Zeit und Raum verloren gehen. Zugleich ist Machandel für Clara und ihre Familie ein Ort, an dem sie sich vor den politischen Entwicklungen in Ostberlin zurückziehen kann.

Claras Familiengeschichte ist eng mit dem Dorf und den dort lebenden Menschen verknüpft, das wird ihr erst nach und nach bewusst.

„Tatsächlich hatte ich mich mehrmals in der Landschaft um Machandel verlaufen, kam erst nach Stunden wieder und konnte nicht erklären, warum ich den Weg zum See nicht gefunden hatte. Manchmal saß ich stundenlang auf einem Stein und vergaß, dass sie im Katen auf mich warteten. Erinnerungen brachen in die Wirklichkeit ein, Träume und Fragmente anderen Lebens. Wir hatten in den unbewohnten Räumen die bröseligen Tapetenschichten von den Lehmwänden gelöst, alte Zeitungen klebten darunter, steif von getrocknetem Leim. Ich versank in Artikeln über die Bodenreform, über die Vorteile kollektiver Landwirtschaft […].
Als ich nach den Anweisungen des alten Wilhelm den kleinen Gemüsegarten anlegte, fand ich bei jedem Spatenstich Müllreste aus weit zurückliegenden Jahrzehnten, Stiefel ohne Sohle, zerlöcherte Kochtöpfe, zerbrochene Gurkengläser. Einer der Fußbodensteine war sogar ein Morgenstein, der erste Stein vom ersten Brand nach der Winterpause, der Morgenstein, bekam eine Verzierung. Dieser hier zeigte eine Sonne und den Abdruck einer Kinderhand.“

Schon ihr Vater, der ein leidenschaftlicher und von den Nationalsozialisten verfolgter Kommunist war, fand hier in den letzten Kriegstagen Zuflucht und er lernte dort seine zukünftige Frau, ein Flüchtlingsmädchen kennen. Die Reise in die eigene Vergangenheit, die des Dorfes und der gemieteten Kate beginnt mit einem Foto, das Clara im Haus findet und das zum Ausgangspunkt ihrer Suche wird. Doch es ist viel mehr als nur eine Familiengeschichte, die Regina Scheer in ihrem Buch aufblättert: Es ist auch die Geschichte der DDR und der dort lebenden Menschen, die die Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit durch den Aufbruch in die sozialistische Gesellschaft und durch das Beschweigen der Verbrechen abschütteln wollten. Es ist die Geschichte eines Landes, dem die junge Generation abhanden kommt, weil sie in ihm keine Entfaltungsmöglichkeiten mehr sehen konnte und wollte. Auch Clara kehrt dem Staat, den ihr Vater mit aufgebaut hat, den Rücken und engagiert sich in oppositionellen Bürgerbewegungungen. Zwar verlässt sie anders als ihr Bruder, den sie nicht wiedersieht, nicht das Land, sie begibt sich in eine Art „innere Emigration“.

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Neben Clara sind es noch ihr Vater Hans, der Dissident Herbert, die ukrainische Zwangsarbeiterin Natalja und die 1943 nach Mecklenburg geflohene Emma, die ihre Sicht beisteuern. Die Konstruktion ist komplex und raffiniert angelegt, fast symmetrisch. Ein wichtiges Element ist seine Vielschichtigkeit: Neben Claras Familiengeschichte wird die Geschichte des Dorfes erzählt, es wird über die Verbrechen der Nationalsozialisten berichtet und über die Anfangseuphorie der Gründungsphase der DDR. Am Ende steht die Enttäuschung und Desillusionierung über ein Land, das die Freiheit seiner Bürger eng begrenzte, nicht nur die Reise- sondern auch die Gedankenfreiheit.

„Die Erde unter unseren Füßen war in Bewegung geraten, befremdet sah ich, wie aus dem Chaos etwas entstand, das nicht das war, wovon wir geträumt hatten. Erst da begriff ich, dass unsere Träume sehr verschieden gewesen waren. Plötzlich schien es nur ein Ziel zu geben: sich dem Westen anzuschließen. Maria kam gar nicht mehr nach Berlin zurück.“

Eine weitere Ebene ist die des Märchens. Claras Forschungsarbeit beschäftigt sich mit dem von den Brüdern Grimm aufgezeichneten niederdeutschen Märchen vom Machandelboom, dem Wacholder, dem Heilkräfte zugeschrieben werden. Im Märchen begräbt die Schwester die Knochen ihres von der bösen Stiefmutter geschlachteten, vom Vater aufgegessenen Bruders unter einem Wacholderbaum. Daraufhin erhebt sich ein schöner Vogel aus seinen Blättern. Seitdem, sagt man im Dorf, singe die Wacholderdrossel das Lied der Toten.

„Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung.“

Regina Scheer gelingt es, einen Erzählton und eine Romankonstruktion zu finden, die den weiten geschichtlichen Bogen tragen. „Machandel“ ist nicht nur ein Roman über die deutsche und deutsch-deutsche Geschichte (das Etikett „Wenderoman“, das dem Buch verschiedentlich übergestülpt wurde greift bei weitem zu kurz), sondern vor allem über die Kraft und die Macht der Erinnerung. Ihre Figuren – vor allem die Frauenfiguren und hier insbesondere Emma und Natalja – werden faszinierend plastisch geschildert.

Fazit: Ein lesenswertes und vielschichtiges Buch, das vor allem durch seine Tonalität fasziniert. Näheres zum Buch gibt es hier.

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