Über den anwesenden abwesenden Vater

Konstantin Boggosch, die 1945 geborene Hauptfigur von Christoph Heins Roman „Glückskind mit Vater”, hat seinen Vater, der als Kriegsverbrecher in Polen hingerichtet wurde, nie kennen gelernt. Trotzdem überschattet der nicht anwesende, unbekannte Vater Boggoschs Leben, er lässt ihn nie los, so sehr er auch versucht, die Erinnerung zu verdrängen und zu verweigern.

Für Konstantin ist klar: Der Vater „war das Pech meines Lebens, und er klebte lebenslang an mir wie Pech“. Erst mit zehn Jahren erfährt er von der Mutter, was tatsächlich mit dem Vater geschah, der wie viele Männer „nicht aus dem Krieg zurückgekehrt” war. Gerhard Müller, Direktor der Gummiwerke Vulcano, war bis Kriegsende der reichste Mann am Ort. Als glühender Nationalsozialist und Verfechter der NS-Strategie „Vernichtung durch Arbeit“ plante er, seine Fabrik um ein Konzentrationslager zu erweitern.

Obwohl die Vergangenheit in Konstantins Familie lange ostentativ verschwiegen wird, spürt er jedoch deutlich, dass irgend etwas nicht stimmt. Seine Zukunftspläne kann er nicht verwirklichen, weil er als Sohn eines Kriegsverbrechers in der DDR weder Abitur machen, noch – was sein Wunsch ist – auf die Sportschule gehen kann. Auch wenn die Mutter dafür sorgt, dass Konstantin und sein Bruder Gunthard nicht mehr den Namen des Vaters, sondern ihren Mädchennamen Boggosch tragen, bleibt die Familie immer kenntlich. Obwohl er alles versucht, um dem Schatten des Vaters zu entkommen, gelingt ihm dies nicht. Selbst die Flucht des noch nicht volljährigen Konstantin aus der DDR nach Frankreich ändert nichts. Der Eintritt in die Fremdenlegion ist nicht so einfach wie erträumt und auch die Aufnahme in einen verschworenen Freundeskreis ehemaliger französischer Widerstandskämpfer und Zwangsarbeiter konfrontiert ihn immer wieder mit der Vergangenheit seiner Familie.

Lange gelingt es ihm, die Erinnerung zu verweigern. Boggosch kehrt – ausgerechnet am Tag des Mauerbaus – in die DDR zurück, wird Lehrer und gründet eine Familie, die er auf tragische Art wieder verliert.

Auch wenn der Vater für ihn eigentlich das personifizierte Unglück ist, ist der Titel „Glückskind” dennoch zutreffend: Gerade das Unglück bewahrt ihn letztendlich davor, dass er in Positionen aufsteigt, in denen er sich kompromittieren müsste. Die Armee bleibt ihm als Sohn eines Kriegsverbrechers erspart und auch als Parteimitglied ist er nicht erwünscht.

Der Anlass, sich doch noch einmal mit seiner Geschichte zu beschäftigen, ist eigentlich banal: Konstantin Boggosch – oder eben Müller –  erhält eine Zahlungsaufforderung für die Kirchensteuer, obwohl er nicht Mitglied der Kirche ist und eine junge Reporterin möchte ihn anlässlich des Jubiläums der Schule, die er nach der friedlichen Revolution kurz geleitet hat, interviewen. Das Interview verweigert er, aber die eigene Erinnerung holt ihn in dieser Situation ein.

Von der Nachkriegszeit über die Zeit der deutschen Teilung bis hin zur Gegenwart spannt Christoph Hein den Bogen seines Romans, der auch ein Stück weit Road Movie, Schelmenroman und Entwicklungsgeschichte ist. Ganz klar ist seine Botschaft: Der Erinnerung und seiner Familie kann man nicht entgehen, so weit man auch wegzulaufen versucht, sie holt einen immer wieder ein. Auch wenn die Ideologien und Systeme zusammenbrechen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte vor dem Hintergrund der politischen und historischen Entwicklungen muss jeder Einzelne mit sich selbst ausfechten.

Fazit: Heins Roman ist vielleicht nicht „der große deutsche Roman”, als den ihn der Berliner Tagesspiegel in seiner Rezension anpreist. Banal oder beliebig ist er dennoch nicht. Ich habe ihn gerne gelesen und viele Denkanstöße mitgenommen. Mir hat gerade auch die Sprache Christoph Heins ausnehmend gut gefallen.

 

 

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