Was genau ist noch mal Realität?

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Wenn das Dorfidyll brüchig wird … Unterleuten ist überall.

Unterleuten, Seelenheil, Groß Väter und Beutel – diese Namen klingen nicht gerade nach Metropole. In Unterleuten siedelt Juli Zeh ihren gleichnamigen Roman an. Sie beschreibt einen Mikrokosmos, der zugleich anziehend als auch abstoßend wirkt. Hier finden sowohl seltene Vogelarten ihr Rückzugsgebiet, als auch Menschen, die nicht nur durch die DDR-Vergangenheit und die Veränderungen nach 1989 tief geprägt worden sind. Zusammengehalten werden diese sehr eigenwilligen Menschen durch ein sorgfältig austariertes Gleichgewicht gegenseitiger Gefälligkeiten und Verpflichtungen, sie sind zum Teil durch lang anhaltende Freundschaften aber auch durch weit zurückliegende Feindschaften eng miteinander verbunden.

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Wenn der „Zauberer” zur Romanfigur wird

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Auch wenn Thomas Mann hier nur wenige Jahre seines Lebens verbracht hat, gibt es wohl keine andere Stadt, die so sehr mit ihm verbunden wird wie Lübeck.

Hanseatisch-trocken, distanziert, von der eigenen Größe überzeugt, den Gegensatz Leben-Kunst als Bestandteil des eigenen Lebens vor Augen und dabei ein genialer Beobachter und Beschreiber des menschlichen Mikrokosmos: Das sind nur einige der Versatzstücke, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an Thomas Mann denke. Vieles verbinde ich mit diesem Namen: Unzählige Stunden faszinierender Lektüre, eine Sprache reich an Bildern und viele skurrile Figuren. Was aber wenn der „Zauberer” (so nannten ihn seine Kinder) selbst zur Romanfigur wird und wenn sich um ihn herum nicht nur seine Familienmitglieder, sondern auch seine Protagonisten tummeln? Und was, wenn dieser Roman auch noch ein Stück deutsche Geschichte und Mentalität mit lebendig werden lassen will? Ist ein solches Projekt reiner Voyeurismus (Was wissen wir von der wohl best erforschten deutschen Familie nach unzähligen Büchern und Dokumentarfilmen immer noch nicht? Gibt es noch unbekannte Leichen in verborgenen Kellern?) und damit von vornherein als literarisch manieriertes Spielchen zum Scheitern verurteilt, oder kann ein solcher Roman auch uns den Spiegel vorhalten? Hans Pleschinski unternimmt in seinem viel gelobten Roman „Königsallee” den Versuch, den „Großschriftsteller” und seine nach eigenem Bekunden letzte Liebe, Klaus Heuser, mit Leben zu erfüllen.

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12 von 12 – die Vierte

Die Hauptfigur des Romans „Der Mann, der nie krank war” von Arnon Grünberg heißt Sam (mit vollem Namen Samarendra Ambani) und ist ein Schweizer Architekt. Zwar hat er einen indischen Vater, aber der tut eigentlich nur am Rande etwas zur Sache (vielleicht weil er die Fremdheit Sams gegenüber seiner Umwelt und sich selbst durch sein Erbteil betont) – zumal dieser bereits tot ist. Sam lebt zusammen mit seiner Mutter und seiner schwerbehinderten Schwester Aida, hat eine Freundin namens Nina und ist – abgesehen von seiner selbstgefällig wirkenden Überzeugung, dass die Architektur das Leben der Menschen maßgeblich beeinflusst – die Verkörperung des Naiven und ewig Neutralen (vielleicht ist er deshalb Schweizer?).

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Zwei Drittel einer Trilogie

Wieder wird es britisch – und schon wie beim letzten Mal („Der Pfau”) hat Isabel Bogdan wieder ihre Finger im Spiel, dieses Mal als Übersetzerin. Zwar ist Jane Gardams „Old Filth”-Trilogie noch nicht vollständig auf Deutsch erschienen, aber die ersten zwei Bände habe ich bereits gelesen und ich verrate vielleicht noch nicht zu viel, wenn ich gleich klarstelle, dass ich mich schon sehr auf den dritten Band freue. „Ein untadeliger Mann” und „Eine treue Frau” sind die Titel unter denen die beiden ersten Bände erschienen sind.

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