Zwei Drittel einer Trilogie

Wieder wird es britisch – und schon wie beim letzten Mal („Der Pfau”) hat Isabel Bogdan wieder ihre Finger im Spiel, dieses Mal als Übersetzerin. Zwar ist Jane Gardams „Old Filth”-Trilogie noch nicht vollständig auf Deutsch erschienen, aber die ersten zwei Bände habe ich bereits gelesen und ich verrate vielleicht noch nicht zu viel, wenn ich gleich klarstelle, dass ich mich schon sehr auf den dritten Band freue. „Ein untadeliger Mann” und „Eine treue Frau” sind die Titel unter denen die beiden ersten Bände erschienen sind.

Eine Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt. Das ergibt zwei völlig unterschiedliche Erzählungen. Im ersten Band erzählt der ehemalige Kronanwalt Edward Feathers, von seinen Richter-Kollegen respektvoll „Old Filth” genannt – wobei sich der Respekt etwas relativiert, wenn man den Begriff „Filth” wörtlich übersetzt: dann bedeutet er nämlich „Schmutz”. Aber auch die andere mögliche Bedeutung dieses Spitznamens enthält eine ironische Spitze, kann es doch als Akronym gedeutet werden: „Failed in London try Hong Kong”. Im zweiten Band ist seine Ehefrau Betty die Erzählerin, mit deren Tod das erste Buch beginnt.

Betty und Edward Feathers verbindet ihre Vergangenheit als so genannte „Raj-Waisen”, die in den britischen Kolonien geboren wurden, dann aber bereits als Kinder von ihren Familien in englische Pflegefamilien gegeben wurden. In den Reihen der britischen Mitarbeiter des Empire ist dies offensichtlich kein besonders seltener Lebensweg. Edward Feathers macht nach dem Zweiten Weltkrieg selbst als Kronanwalt in Hongkong Karriere, heiratet dort Betty und kommt zu beträchtlichem Wohlstand. Die Erzählung setzt ein mit dem Tod seiner Frau, die in ihrem gemeinsamen englischen Altersruhesitz ausgerechnet beim Setzen von Tulpenzwiebeln stirbt – pikanterweise nachdem sie das Corpus Delicti ihrer nicht immer lupenreinen ehelichen Treue in einem der Pflanzlöcher entsorgt hat. Als nun ausgerechnet Feathers‘ größter Rivale Terry Veneering das Nachbarhaus erwirbt, kommt Feathers‘ ansonsten eher eintöniges und wenig aufregendes Leben ins Wanken, er begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit, in deren Lauf seine untadelige und perfekte Fassade in vielfacher Hinsicht zu bröckeln beginnt: Verletzungen, eine Kindheit ohne Liebe und mit vagen Andeutungen von Missbrauchserfahrungen, faule Kompromisse und verdrängte Lebenslügen kommen ans Tageslicht, die Sicht des Lesers auf das Leben des würdigen älteren Ehepaars verschiebt sich immer stärker. Dieser Effekt verstärkt sich durch das Lesen des zweiten Bandes, in dem Betty ihre Sicht auf ihr Leben schildert. Fast sprechender als das, was tatsächlich erzählt wird, sind die Lücken und Auslassungen, die beide Berichte kennzeichnen. Welche der beiden Versionen nun tatsächlich einer – wie auch immer ausdeutbaren – Wahrheit entspricht, bleibt auch am Ende der Lektüre offen. Der Leser selbst wird so zum Konstrukteur der Geschichte, er ist eingeladen, sich seine eigenen Gedanken zu den Personen und den Konstellationen in der Geschichte zu machen.

Britischer unterschwelliger Humor und das typische Understatement in Bezug auf Gefühle paart sich in diesen beiden Büchern mit einer subtilen Lust an der Aufdeckung von Lebenslügen. Dabei werden jedoch keine billigen Klischees bedient, die Erzählung verliert nie ihren hintergründigen Charme. Sicher ist es auch der wunderbaren Übersetzung von Isabel Bogdan geschuldet, dass gerade das Britische und etwas Spröde immer noch deutlich spürbar bleibt. Der Abglanz aber auch die Illusion des Blicks auf die großen Zeiten des Britischen Empire bekommen bei dieser Lektüre eine völlig neue Bedeutung.

Fazit: Sehr lesenswert, ich bin gespannt auf den dritten Band, der aus der Sicht von Feathers‘ Konkurrenten und Rivalen Terry Veneering erzählt. Näheres zu den Büchern gibt es hier.

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