12 von 12 – die Vierte

Die Hauptfigur des Romans „Der Mann, der nie krank war” von Arnon Grünberg heißt Sam (mit vollem Namen Samarendra Ambani) und ist ein Schweizer Architekt. Zwar hat er einen indischen Vater, aber der tut eigentlich nur am Rande etwas zur Sache (vielleicht weil er die Fremdheit Sams gegenüber seiner Umwelt und sich selbst durch sein Erbteil betont) – zumal dieser bereits tot ist. Sam lebt zusammen mit seiner Mutter und seiner schwerbehinderten Schwester Aida, hat eine Freundin namens Nina und ist – abgesehen von seiner selbstgefällig wirkenden Überzeugung, dass die Architektur das Leben der Menschen maßgeblich beeinflusst – die Verkörperung des Naiven und ewig Neutralen (vielleicht ist er deshalb Schweizer?).

Als Persönlichkeit bleibt Sam die ganze Lektüre hindurch seltsam schwer fassbar. Nicht nur der Titel lässt die Assoziation zum „Mann ohne Eigenschaften” anklingen.

„Sein Name und Aussehen lassen die meisten etwas anderes vermuten, aber das Land, in dem Samarendra Ambani geboren wurde und aufwuchs, ist die Schweiz. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr war er Messdiener. Explizit abgewandt von der Kirche hat er sich eigentlich nie, vielmehr hat er sie allmählich vergessen, und niemand hat sich die Mühe gemacht, ihn an ihre Existenz zu erinnerrn. Nur Heiligabend geht er mit seiner Mutter und seiner Schwester zur Messe.” (S. 7)

Seine Charakterisierung erfolgt weniger durch das, was er tut, denkt oder sagt, sondern eher durch das, was er nicht ist bzw. nicht hat:

„Mehr noch als von seinem indischen Aussehen – dieses weckt hin und wieder Verwirrung; beispielsweise redet in einer Kneipe mal ein Mann von der ‚gelben Gefahr’ und schaute dabei vielsagend in Sams Richtung – wird seine Identität von folgender Tatsache bestimmt: Dem Mangel jedweden Gebrechens. Er braucht keinen Rollstuhl, keine ständige Pflege, er hat seinen Körper völlig im Griff. So war er als Kind, so war er als Jugendlicher, und so ist er noch immer: Er ist der Mann ohne Krankheiten. Was immer er ist oder noch aus ihm wird, er ist in erster Linie gesund, körperlich und geistig.” (S. 9)

Sam wirkt seltsam unbeteiligt, legt sich nicht fest, kann noch nicht einmal sagen, ob er seine Freundin Nina tatsächlich liebt, sie „passt” einfach ganz gut:

„Sie war die kultivierteste Frau, der er jemals begegnet war, und das war es, was er vor allem in der Liebe suchte: das Kontrollierte. Verlässliche.” (S. 17)

Mit seiner Schwester Aida pflegt er eine innige, allerdings weitgehend sprachlose Beziehung, die sich weitgehend auf seinem Wunsch gründet, ihr die Behandlung finanzieren zu können, die ihr die „Wiederherstellung” ihrer Gesundheit ermöglicht, obwohl Aida selbst, in den wenige Passagen, in denen sie sich äußert, eher ihren Wunsch zu Sterben ausdrückt.

Als Sam mit seinem Entwurf einer Oper für Bagdad einen Architektenwettbewerb gewinnt und in den Irak reist, um seinen Auftraggeber zu treffen, kommt sein Leben ins Rutschen: Der Inhalt seines Koffers wird ausgetauscht, sein nie gesehener Auftraggeber kommt bei einem Anschlag ums Leben und Sam wird als Geisel genommen und misshandelt. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz versucht er, sein Leben weiterzuleben, als wäre nichts geschehen, doch er ist schwer traumatisiert. Kaum scheint dieser erste Schock überwunden, erhalten Sam und sein Partner den Auftrag zum Bau einer gigantischen Bibliothek in Dubai. Wieder reist Sam in den Nahen Osten, wegen einer Lappalie gerät er erneut in Schwierigkeiten und sieht sich am Ende – in bester Kafka-Manier – mit einer grotesken Anklage wegen Spionage konfrontiert.

Arnon Grünberg schreibt diese Erzählung, die ein tiefes Trauma thematisiert in bemerkenswert lakonischem, sachlichem Ton. Emotionen bleiben außen vor. Seine Hauptfigur Sam gerät – scheinbar naiv und ohne sein Zutun – trotz aller Mühe, alles richtig zu machen, immer weiter in Schwierigkeiten. Die Hauptfigur bleibt dem Leser und nicht zuletzt sich selbst fremd. Doch ist Sam tatsächlich so unschuldig, unwissend und naiv, wie er scheint? Eine definitive Antwort auf diese Frage bekommt der Leser bis zum Schluss nicht, das Buch lässt viel Raum zum Nach- und Weiterdenken und zum Zweifeln.

Fazit: Grünbergs Buch ist bei aller Nüchternheit des Stils, mit der ich zunächst zugegebenermaßen gekämpft habe, ein erhellendes Schlaglicht auf Fremdheit und Traumatisierung. Ein bisschen Kafka, ein bisschen Camus, und das Ganze heruntergebrochen auf das 21. Jahrhundert und die sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen des Westens und des Nahen Ostens. Durchaus lesenswert, aber nicht ganz leichte Kost.

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