Was genau ist noch mal Realität?

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Wenn das Dorfidyll brüchig wird … Unterleuten ist überall.

Unterleuten, Seelenheil, Groß Väter und Beutel – diese Namen klingen nicht gerade nach Metropole. In Unterleuten siedelt Juli Zeh ihren gleichnamigen Roman an. Sie beschreibt einen Mikrokosmos, der zugleich anziehend als auch abstoßend wirkt. Hier finden sowohl seltene Vogelarten ihr Rückzugsgebiet, als auch Menschen, die nicht nur durch die DDR-Vergangenheit und die Veränderungen nach 1989 tief geprägt worden sind. Zusammengehalten werden diese sehr eigenwilligen Menschen durch ein sorgfältig austariertes Gleichgewicht gegenseitiger Gefälligkeiten und Verpflichtungen, sie sind zum Teil durch lang anhaltende Freundschaften aber auch durch weit zurückliegende Feindschaften eng miteinander verbunden.

Obwohl die vermeintliche Dorfidylle im brandenburgischen „Speckgürtel” liegt, der die Hauptstadt Berlin umgibt, ist es doch eine ganz eigene Welt:

„Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei.” (Juli Zeh, Unterleuten, S. 26 – die Seitenangaben beziehen sich jeweils auf die Seitenzahlen der epub-E-Book-Ausgabe)

Schon auf den ersten Seiten des Romans wird sichtbar, wie fragil die Balance des Zusammenhalts im Dorf ist, wie dünn die zivilisatorische Kruste ist, die die vordergründige Idylle zusammenhält. Wer hier Einsamkeit, Ruhe und Frieden erwartet, sieht sich schnell getäuscht. Der Name „Unterleuten” ist bereits Programm: Man ist hier „unter Leuten”, die Nachbarn beobachten sehr genau, die soziale Kontrolle funktioniert. Und unter dem Firnis lauert die Gewalt, auch das wird schon auf den ersten Seiten auf beklemmende Art sichtbar. Zudem wird die Balance auch von „außen”, durch Stadtflüchtlinge und der Bau einer Windkraftanlage verspricht enorme Profitmöglichkeiten. Schnell brechen die Fronten auf, Gewalt wird zum Mittel der Auseinandersetzung. DDR-Geschichte mit Zwangskollektivierung, kapitalistische Profitgier, gescheiterte Ehen und Beziehungen, gegenseitige Vorwürfe und vor allem die kantigen Figuren machen Juli Zehs Roman zu einer skurrilen und sehr anregenden Konstruktion.

Ein erfolgloser Dramatiker, der seine Schreibblockaden mithilfe des nervenzerfetzenden Dauergebrauchs eines Aufsitzrasenmähers bekämpfen will, eine „Pferdefrau”, die fest an die Erfolgsbotschaft eines Ratgeberautors und an die unbegrenzten Möglichkeiten der Selbstoptimierung glaubt, ein ehemaliger Soziologieprofessor, der seine Studentin geheiratet hat und nun sein familiäres und ländliches Paradies als militanter Vogelschützer gegen einen störenden Nachbarn verteidigen muss, eine Frau, die Angst hat, dass ihr der Himmel auf den Kopf fällt und die sich mit unzähligen Katzen in ihrer Wohnung verbarrikadiert hat. Das ist nur eine kleine Auswahl des einzigartigen Personals, das Juli Zeh in ihrem fiktiven Dorf Unterleuten angesiedelt hat. Die Erzählperspektive wechselt mit jedem Kapitel. Das ermöglicht zugleich die Wahrnehmung der Innen- und die Außensicht der handelnden Figuren.

Und als wäre es nicht genug, dass Zeh es meisterhaft versteht, die Figuren zu (über-)zeichnen und die mühsam errichteten Fassaden zu dekonstruieren, treibt sie ihr Spiel auch mit ihren Leserinnen und Lesern. Sie errichtet ein ganzes Universum aus Fiktion um den Roman herum, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität – virtueller und „realer” – werden unscharf. Das Dorf selbst, die Dorfgaststätte „Märkischer Landmann” und die Unterleutener Vogelschützer haben jeweils eine eigene Website, einige Personen haben ein Facebookprofil und der Erfolgstrainer Manfred Gortz hat nicht nur eine Homepage. Sein Buch „Dein Erfolg” gibt es tatsächlich im Buchhandel zu kaufen. Dieses Buch hat Juli Zeh kurzzeitig auch den Vorwurf des Plagiats eingebracht – so lange, bis sie zugegeben hat, den Erfolgsleitfaden selbst verfasst zu haben. Damit ist „Unterleuten” nicht nur ein vielschichtiger Roman, sondern dreht auch allen eine lange Nase, die nach der Devise „Wenn es im Internet steht, muss es ja wohl wahr sein” leben.

Fazit: Unbedingt lesenswert! Juli Zeh hat ein augenzwinkerndes, klarsichtig beobachtetes Gesellschaftsporträt geschrieben, das einen bösen Blick hinter die freundliche Fassade der Hochglanz-„Landlust”-Magazinwelt erlaubt. Ihre Figuren sind in ihrer eigentlich durchgehend wenig Sympathie-heischenden und zugleich mitleiderregenden Überzeichnung gut getroffen.

Näheres zum Buch gibt es hier.

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