In die Lesefalle gegangen …

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Ich mag keine Erzählungsbände. Aber ich mag die Bücher von Saša Stanišic. Besonders der schräge Mikrokosmos des uckermärkischen Dorfes aus „Vor dem Fest” hat mir viel Freude gemacht. Jetzt also Erzählungen. „Der Fallensteller” heißt das Buch, bei dem mich schon das bunte Umschlagbild mit der Libelle sehr anspricht. Und was soll ich sagen: Meine Vorbehalte in Bezug auf die kurze Form lösen sich beim Lesen sehr schnell in Luft auf. Schon die Möglichkeit, Sätze wie den im Folgenden Zitierten zu finden, wäre allein schon Grund genug gewesen, das Buch zu lesen:

„Es geht in Unterhaltungen nicht unbedingt darum, einander zu verstehen, sondern es miteinander auszuhalten.“

Stanišic fesselt seine Leser – in diesem Fall mich – mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie, mit Melancholie, die niemals maniriert oder aufgesetzt wirkt (etwa in der Geschichte „In diesem Gewässer versinkt alles”, in dem Erinnerung lebendig wird). Noch in der Komik, die Stanišic sehr souverän erzeugt, findet sich immer ein Quäntchen Traurigkeit.

Der Autor stellt seinen Figuren und auch den Leserinnen und Lesern immer wieder Fallen – im bildlichen und im übertragenen Sinn. Er lässt in einer Tonio-Kröger-haften Geschichte einen traurigen Amateur-Zauberer auftreten, der eigentlich Holzarbeiter ist, einen Rattenfänger, eine Gruppe junger Menschen, die „ein surrealistisches Gemälde einer syrischen Surrealistin” klauen, eine Fabrik die Jahreszeiten fabriziert, einen Jungen, der von seiner Mutter in ein ungeliebtes Ferienlager gezwungen wird:

„Alles vergebens. Mutter hat schon Pläne gemacht, Pläne ohne mich. Mutter kann ohne mich um sich jünger sein, als mit mir um sich. Endlich wieder mit Freunden trinken und spät wegbleiben. Ich finde das okay. Mütter sind okay. Ist auch nicht einfach mit mir. Neulich hab ich versucht, ein T-Shirt im Toaster zu trocknen. Mutter winkt zum Abschied. Ihre Hand sieht glücklich aus.”

und vieles mehr.

Stanišic zaubert mit Sprache, indem er sie sich auf der Zunge zergehen lässt und sie dabei zugleich immer wieder in Frage stellt. Er lässt Menschen verschwinden, nur durch den Austausch eines einzigen Buchstaben im Namen. Durch ein Missverständnis wird aus dem Brauerei-Justiziar Georg Horvath (der allerdings dadurch, dass er früher einen Gedichtband veröffentlicht hat, schon von vornherein aus dem üblichen Rahmen fällt) auf einer Geschäftsreise nach Brasilien Georg Horwath, eine völlig andere Person, die schokoladene Süße schmeckt, die Dusche tuscheln hört und intensiv über Worte und ihren Klang nachsinnt. Mit der Transformation des Namens geht Horvath oder Horwath auch die Gewissheit der Sprache zunehmend verloren. Ein bisschen Kafka ist in dieser Geschichte deutlich zu finden: Nicht nur, wenn die Anfangssätze von „Die Verwandlung” zitiert werden, sondern auch wenn in einer Erinnerung an eine Rumänienreise die Worte „kafkaeskul” und „groteskul” als genuin rumänische Worte bezeichnet werden.

Sicher, wie alle Erzählungsbände gibt es auch hier stärkere und schwächere Passagen (ich konnte mit den Geschichten um Mo und seine Freunde nicht richtig warm werden). Aber für mich haben die stärkeren die schwächeren Erzählungen allemal aufgewogen.

Den meisten Spaß hatte ich mit der Forterzählung des Romans „Vor dem Fest”, die zugleich die Titelgeschichte ist und in der es ein Wiedersehen mit Figuren wie Herrn Schramm, Frau Mahlke, Angela und Günter Zieschke, Lada (der begleitet vom Heulen des Wolfs mit seinem Golf im See unterging) und mit dem uckermärkischen Dorf Fürstenfelde gibt. Ein Rattenfänger taucht auf, seltsam anachronistisch gekleidet und ausschließlich in Reimen sprechend. Er hat die Gabe Konflikte zu lösen und unliebsame Tiere – in diesem Fall Ratten, aber auch Fliegen – unverletzt einzufangen. Mit den Wölfen und den Wildschweinen, die er eigentlich in seine Fallen locken sollte, klappt das allerdings weniger gut. Woher die Tiere kommen und warum sie sich so merkwürdig verhalten, seit der geheimnisvolle Fremde im Dorf ist, bleibt allerdings offen. In diese Geschichte schmuggelt sich auch der Autor selbst hinein. Die Bewohner des Dorfes erinnern sich noch lebhaft an den Schriftsteller, den verweichlichten „Jugo”, der mit seiner Schreiberei einen Zustrom von Literaturtouristen ausgelöst hat.

Vielleicht kann nur jemand mit der deutschen Sprache derart virtuos und souverän umgehen, der sie sich sozusagen von außen, als Nicht-Muttersprachler erarbeitet hat. Das Arbeiten mit und an der Sprache ist das was fasziniert: Den Klang und die Bedeutung der Worte immer wieder in Frage stellen, sie nicht als gegebene Größen einfach hinnehmen und benutzen. Mir hat Saša Stanišic damit viel Spaß gemacht und er hat mir zugleich viel Denkstoff und Spielraum geliefert.

Danke an das Bloggerportal von Randomhouse für das Rezensionsexemplar. Näheres zum Buch gibt es auch hier.

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