12 von 12 – die Fünfte

Ich hatte es ja schon zugegeben: Mit dem Bloggen bin ich etwas im Rückstand. Aber nicht mit dem Lesen. Mein Juli-Buch ist eines, auf das ich wahrscheinlich ohne mein Geburtstagsgeschenk, die Buch-Flatrate, nie gestoßen wäre. Der Schauplatz von Aharon Appelfelds Roman „Alles, was ich liebte” ist Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Czernowitz, das heute in Rumänien liegt, ist eine Stadt, die in der deutschsprachigen Literatur eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt: Paul Celan, Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger und Gregor von Rezzori sind bei weitem nicht die einzigen Namen, die mit dieser Stadt verbunden sind, die eine Habsburger Vergangenheit par excellence hat (die Stadt gehörte früher zur Ukraine, hatte eine multikulturell zusammengesetzte Bevölkerung – neben Juden, Deutschen, Rumänen und Ukrainern lebten hier auch Polen) und die einstmals so reich war an jüdischem Leben.

Konsequent aus der Perspektive des neunjährigen Paul erzählt Appelfeldt seine Geschichte, die er in der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ansiedelt. Lange bevor Paul im Sommer 1938 in das Waisenhaus von Czernowitz gebracht wird, haben sich seine Eltern getrennt.  Das Kind bleibt zunächst bei der Mutter, die er sehr liebt und die als Lehrerin arbeitet, den Vater sieht er nur selten. Lakonisch beschreibt der Autor konsequent aus der Perspektive des Kindes, die er bemerkenswerterweise an keiner Stelle überschreitet, wie die Ehe der Eltern zerbröckelt, wie die Mutter zunehmend unglücklicher wird und wie der Vater, der ein berühmter Maler ist, von seiner als „entartet” eingestuften Kunst nicht mehr leben kann und immer stärker trinkt. Als die Mutter wieder heiratet, zieht Paul zu seinem Vater, der mit ihm nach Bukarest übersiedelt. Dass er Jude ist, erfährt Paul eher nebenbei, der Antisemitismus prägt – wenn auch im Hintergrund – das Leben der Familie deutlich. Paul verliert alle Menschen, die er liebt: Zuerst sein ruthenisches Kindermädchen Halina, das in seiner Gegenwart ermordet wird, dann die Mutter und zuletzt den Vater.

Appelfeldts Geschichte, die von Anne Birkenhauer mit viel Sprachgefühl und Zartheit übersetzt wurde, ist geprägt von Verlust, Abschied und Liebe. Der Holocaust wird nie explizit erwähnt. Trotzdem ist er allgegenwärtig, sein Schatten wird im Lauf der Erzählung zunehmend dunkler. Appelfeldt beschreibt mit einer ganz besonderen Sprache, die zwischen Lakonie und Poesie hin und her pendelt, eine untergehende Welt, die parallel zu Pauls Abschied von seiner zunächst idyllischen Kindheit immer weiter verschwindet.

Fazit: Ein ganz besonderes Buch. Obwohl sehr traurig und schattenreich (die Farben, die ich beim Lesen vor allem vor den Augen hatte, waren eher grau und dunkel) hat es doch eine sehr eigene Energie und Kraft.

Näheres zum Buch gibt es hier.

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