12 von 12 die sechste

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ich gebe zu: Das Jahr ist um. Meine zwölf Flatrate-Bücher sind alle gelesen, aber mit dem bloggen bin ich hoffnungslos hinterher. Das entmutigt mich allerdings nicht. Ich mache weiter, damit der SUVB*, der meinen Schreibtisch zu überwuchern droht, doch demnächst tendenziell abnimmt. Und was könnte nach all dem „Make America great again“ der letzten Tage besser geeignet zum vertexten sein, als ein Buch über Berühmtheit, Medienhypes, Literaturzirkusse, Schreibblockaden und nicht zuletzt Mord, das eben in God’s own country, den United States of America spielt? Joël Dickers umfangreicher Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ hat vor allem in Frankreich, wo es sogar für den renommierten Prix Goncourt nominiert war, für großes Aufsehen gesorgt. Was verbirgt sich hinter dem Hype? Und wie wird ein französisches Buch zu einem „Page-turner à l’américaine“ wie die NZZ die französische Kritik zitiert?

Im Garten des hoch angesehenen Schriftstellers Harry Quebert im beschaulichen Örtchen Aurora wird eine vergrabene Leiche entdeckt. Als sich herausstellt, dass es sich um die 33 Jahre zuvor verschwundene Nola handelt und als Harry Quebert zugibt, mit dem Mädchen eine Affäre gehabt zu haben, schaukelt sich der Skandal hoch und Quebert wird unter Mordverdacht verhaftet. Der einzige, der in dieser Situation noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler Marcus Goldman, der mittlerweile selbst ein erfolgreicher Schriftsteller geworden ist. Goldman ist von der Unschuld seines Mentors überzeugt, außerdem durch eine Schreibblockade gehandicapt und auf der Suche nach Stoff für seinen nächsten Roman. Er beginnt nach der Wahrheit zu suchen.

Der Roman des aus Genf stammenden Joël Dicker ist ein Roman im Roman im Roman. Verschachtelt in die Krimihandlung findet sich hier der Erfolgsroman von Harry Quebert und der Roman, den Goldman so verzweifelt zu schreiben versucht, um seine Schreibblockade nach seinem aufsehenerregenden Debüt zu überwinden, dessen Erfolg ihm die Kreativität und die Sprache zu verschlagen droht. Dicker verschachtelt auf kunstvolle und kalkulierte Weise mehrere Handlungsstränge, die auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen: 2008 beginnt Goldman auf eigene Faust zu ermitteln, 2002 hielt sich Goldman als angehender Schriftsteller in der Villa seines Mentors auf, 1998 begegnet Goldman erstmals am College. Dazu kommt das Jahr 1975 mit der Liebesgeschichte zwischen Nola (der Anklang des Namens an Nabokovs Lolita ist sicher kein Zufall) und Harry und dem Verschwinden des Mädchens. Gespielt wird nicht nur mit Zeit- und Handlungsebenen, sondern auch mit den Kategorien Wahrheit, Lüge und Realität: Was wahr zu sein scheint, erweist sich am Ende doch als Schein. Und wer am Ende wen hinters Licht führt, stellt sich erst ganz allmählich heraus.

Den Hype, der Dickers Harry Quebert nahe an den Prix Goncourt geführt hat, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Dazu hat das Buch zu viele Längen und redundante Nebenstränge und -figuren (z.B. die Eltern Goldmans). Auch die Sentenzen, die der alternde Mentor Harry seinem Schüler zum Thema Schreiben mit auf den Weg gibt, haben etwas von banaler Möchtegern-Philosophie. Trotzdem ist das Buch ein Page-Turner im wörtlichen Sinne. Flott zu lesen, spannend konstruiert und dazu noch gut übersetzt ist es eine Lektüre, die sich gerade für einen Urlaub gut eignet.

Fazit: Keine große Literatur, dennoch ein anspielungsreicher, wohlkalkuliert konstruierter Roman, der trotz einiger Längen durchaus spannende Unterhaltung über das krimiübliche Whodunnit-Niveau hinaus bietet.

Näheres zum Buch gibt es hier.

*Stapel unverbloggter Bücher

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s