Freiheit als Geschenk und Aufgabe

„Unsere Freiheit ist sowohl ein Geschenk als auch eine Aufgabe, an der wir ständig arbeiten müssen – obwohl wir letztendlich doch zum Scheitern verurteilt sind. Unsere Ambitionen und unsere Wünsche sind meist höher gesteckt als das, was wir im Leben erreichen können.“

Schon das letzte Buch von Carlo Strenger habe ich mit großem Gewinn gelesen. Genauso ging es mir jetzt mit seinem Essay „Abenteuer Freiheit“, für dessen Lektüre ich den glücklichen Umstand eines komplett freuen Urlaubstages nutzen konnte.

Was ist eigentlich das, was unsere Freiheit ausmacht und was sie gerade jetzt, im Zeitalter von Populismus und Fundamentalismus so wertvoll macht? Ist es die „Freiheit von“ oder vielleicht doch die „Freiheit zu“? Ist Freiheit etwas, auf das wir ein Anrecht haben? Oder müssen wir sie uns vielleicht doch hart erarbeiten? Was macht das Gestalten von Freiheit so schwierig und woher kommt die Furcht vor ihr, die vor allem in allen Fundamentalismen deutlich spürbar wird? Und reicht es wirklich, dem schönen Schein nachzugehen und die Freiheit vor allem zum hemmungslosen Konsum und zur Selbstoptimierung zu nutzen?

Viele Fragen, die der schweizerisch-israelische Publizist, Psychologe und Philosoph Carlo Strenger in seinem kurz gefassten, ideengeschichtlich ausgezeichnet fundierten und pointierten Essay aufnimmt. Und das erstaunlichste: Er findet Antworten darauf, die mich als Leserin nicht kalt gelassen, die mich im Inneren berührt haben. Es geht ihm zum Einen darum, zu zeigen, was die westliche Freiheit so wertvoll macht, dass ihre Verteidigung und tägliche Neueroberung abseits aller ökonomischer Nützlichkeitserwägungen ein lohnendes Projekt ist. Andererseits zeigt Strenger auch die Grenzen auf: Freiheit führt eben gerade nicht zu einem Zustand immerwährenden Glücks. Es gilt, die Freiheit und die Suche nach ihr als „Abenteuer des fortwährenden Versuches [zu erzählen, UJ], mit der komplexen Existenz sinnvoll, gerecht und rational umzugehen – als ein Versuch, dessen erfolgreicher Ausgang nie garantiert werden kann.” Und die große Kunst ist, dabei die Fähigkeit zum kritischen Denken und Hinterfragen nie zu verlieren. Auch nicht, wenn man zur Toleranz auffordert. Toleriert werden muss – so Strenger – „das Recht der Menschen, zu glauben, was sie wollen. Nicht respektieren müssen wir hingegen den Glauben selbst – vor allem dann nicht, wenn seine Konsequenzen Intoleranz, Fremdenhass, Fanatismus und Unmenschlichkeit sind.

Freiheit ist per Definition immer beschränkt, das zeigt sich spätestens an dem Punkt, an dem die Grenze zur Freiheit des Nächsten erreicht ist oder in dem Moment, in dem wir mit den Konsequenzen unseres Handelns oder Nicht-Handelns konfrontiert sind. Die eigenen Überzeugungen als relativ erkennen, und trotzdem für sie einzutreten, das ist es, was Strenger fordert. Es gilt nicht, grenzenlose Freiheit zu fordern und darauf zu warten, dass „die Politik“ oder „der Staat“ unsere Ansprüche erfüllen, sondern erwachsen zu werden und zu lernen mit den Begrenzungen, die das Leben zwangsläufig mit sich bringt, zu leben.

Und schließlich tragen wir alle in der Gesellschaft eine Mitverantwortung dafür, dass unsere Freiheiten uns erhalten bleiben. Und manchmal ist es gerade das, was uns amüsiert, was uns als erstes abhanden kommt:

„Die Freiheit zu lachen ist kein Konsumgut, das uns jemand schuldig ist, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft, für deren  Bewahrung wir eine Mitverantwortung tragen.“

Fazit: Eine echte Leseempfehlung für alle, die über das nachdenken wollen, was unsere Gesellschaft zusammenhält oder eben auch auseinandertreibt.

Näheres zum Buch gibt es hier.

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