Die Last des Gewissens

Den russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch hat der britische Schriftsteller Julian Barnes in den Mittelpunkt seines Romans „Der Lärm der Zeit“ gestellt. Im inneren Monolog resümiert Schostakowitsch sein Leben in der Sowjetunion. Alle zwölf Jahre – immer in Schaltjahren – sieht sich der Komponist in besonderer Weise mit der Staatsmacht konfrontiert sieht: Die Ereignisse der Jahre 1936, 1948, 1960 und 1972 dienen Barnes als Einschnitt und Erzählanlass, in denen er seinen Protagonisten zurückblicken und über sein Leben reflektieren lässt.

Im Mittelpunkt stehen dabei weniger äußere Ereignisse, als die großen Fragen zu Gewissen und Macht, Angst, Feigheit und Verrat. Damit ist Barnes‘ Buch nicht nur ein einfühlsam geschriebener Künstlerroman, sondern viel mehr.

1936 fällt Schostakowitsch bei Stalin in Ungnade, seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ gefällt Stalin nicht, er verlässt mit seiner Entourage die Vorstellung vor dem Ende. Durch einen Leitartikel in der Parteizeitung „Prawda“, der Schostakowitschs Musik als „formalistisch“ und zu wenig volkszugewandt verurteilt, gerät der Komponist unter Druck, die Angst wird zu seiner ständigen Begleiterin. Dass es dafür gute Gründe gibt, erschließt sich jedem, der die Geschichte der „Säuberungen“ der Stalinzeit auch nur in Ansätzen kennt. Schostakowitsch wird – anders als er zunächst befürchtet – jedoch nicht Opfer der Hinrichtungswellen der 1930er Jahre, er überlebt. Der Preis dafür ist hoch: Immer wieder lässt er sich korrumpieren und von den Mächtigen benutzen. Er verrät Freunde – unter anderem Sergej Prokofieff und den von ihm tief verehrten Igor Strawinskij, hält Reden, die andere für ihn schreiben, er lässt sich auszeichnen, übernimmt Ämter, die er nicht will und lässt sich auch gegenüber dem westlichen Ausland vor den sowjetischen Propagandakarren spannen. Leitend für sein Verhalten ist nicht eine vermeintliche Ehre durch das Vertrauen der Mächtigen, sondern die Angst vor den Konsequenzen der Verweigerung.

Selbst diejenigen im „freien Westen“, die ansatzweise nachvollziehen können, wie es sich anfühlt in einer Diktatur zu leben, lassen sich von der revolutionären Fassade der Sowjetunion täuschen und fordern eine widerständige Haltung, zu der sich Schostakowitsch angesichts der Demonstrationen der Macht nicht imstande sieht:

„Dann gab es noch andere, die etwas mehr verstanden, die dich unterstützten und zugleich doch enttäuscht von dir waren. Die eine simple Tatsache über die Sowjetunion nicht begriffen: Dass es hier unmöglich war, die Wahrheit zu sagen und am Leben zu bleiben. Die sich einbildeten, sie wüssten, wie die Macht funktioniert, und wollten, dass du dich dagegen zur Wehr setzt, wie sie es, so glaubten sie, an deiner Stelle tun würden. Mit anderen Worten, sie wollten dein Blut. Sie wollten Märtyrer zum Beweis der Bösartigkeit des Regimes. Aber der Märtyrer solltest du sein, nicht sie.“

Schostakowitsch selbst ist sein unerbittlichster Kritiker. Sein Gewissen als Dialogpartner lastet schwer auf ihm. Meisterhaft versteht es Barnes, diesen Konflikt im inneren Monolog zu entfalten und ihm eine literarische Form zu geben.

Fazit: Eine unbedingte Leseempfehlung. Näheres zum Buch gibt es hier. Und wer noch eine politisch-philosophische Unterfütterung möchte, dem sei dazu Hannah Arendts „Sokrates. Apologie der Pluralität“ empfohlen, in der ebenfalls das Zurückgeworfensein des Menschen auf den inneren Dialog im Mittelpunkt steht. Ihr Kernsatz – nach Sokrates – lautet:

„Nur wer versteht mit sich selbst zu leben, ist geeignet für das Leben mit anderen. Das Selbst ist die einzige Person, die ich nicht verlassen kann, mit der ich zusammengeschweißt bin.“

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