Bekenntnis eines Misanthropen

„Meine Frau ist tot und längst begraben.”

Mit diesem nüchternen Satz beginnt der 1894 erschienene Roman „Ein nachgelassenes Bekenntnis” des Niederländers Marcellus Emants, der zur Frankfurter Buchmesse 2016 in neuer Übersetzung erschienen ist. Willem Termeer, ein 35-jähriger Privatier, der hier monologisch seine Lebensgeschichte erzählt (oder vielleicht zutreffender: ein Geständnis ablegt) ist kein sympathischer Protagonist, nicht nur, weil er gesteht, seine Frau Anna getötet zu haben. Termeer ist ein Misanthrop, ein Getriebener. Menschliche Gesellschaft hält er kaum aus, er ist voller Selbstzweifel und Selbsthass. Die einzigen Dinge, die er tatsächlich schätzt, sind die Einsamkeit, abschließbare Räume und erotische Abenteuer.

Termeer betreibt in seinem ausschließlich aus psychologischen Inneneinsichten bestehenden Bekenntnis einen enormen Aufwand, um seine Leser davon zu überzeugen, dass seine Geschichte zwangsläufig so verlaufen musste, wie er sie beschreibt. Mithilfe von Selbstrechtfertigungen, Scheinheiligkeiten und der Verlagerung der Verantwortung für sein Tun auf seinen Charakter. Damit gelingt es Termeer, sich zu entlasten, gerade, weil er sich selbst belastet und bezichtigt. Sich selbst beschreibt Willem Termeer als charakterschwaches, entartetes Objekt, das sein gegebenes Schicksal nicht aus freiem Willen beeinflussen kann:

„Konnte ich, der schwache Spielball von Tausenden von Zufällen in mir und um mich herum, Zufällen, die eine normale Individualität nicht einmal bemerkt, ich, der ängstlich vor der riesigen, schwarzen Maschinerie – der Gesellschaft – zurückgewichen war, ich, an und in dem alles schon bei der harmlosesten Berührung mit einer anderen menschlichen Natur zitterte, ich, der ich nur in der Lage bin, etwas zu unterlassen, aufzugeben, nicht zu wollen … konnte ich mich selbst als geeignet für diese oder jene Aufgabe erklären, um bei jemandem um Arbeit nachzufragen, Verantwortung auf meine Schultern zu laden?”

Schon im Elternhaus, in dem Gefühle keine Rolle spielten, fühlt sich Termeer nicht geliebt. Den Versuch einer beruflichen Laufbahn gibt er sehr schnell wieder auf. Und auch die Ehe mit seiner Frau Anna schließt er vor allem, um den Konventionen zu genügen. Termeer hat eine sehr klare Vorstellung, wie er gerne sein möchte. Anstatt aber als „Lebemann” ein Mitglied der Gesellschaft zu werden, bleibt Termeer ein eigenbrötlerischer Außenseiter, ein Sonderling, den selbst jegliches Wetter nicht nur nicht freut, sondern sogar explizit stört. Termeer ist hochmütig und arrogant, er ist voller Selbsthass und überschätzt sich zugleich maßlos. Er scheitert an seinen eigenen Erwartungen und ist unfähig, ein Leben nach seinen Vorstellungen zu führen. Auch seine anfängliche Leidenschaft für Anna schlägt bereits nach kurzer Zeit in Hass um, der am Ende im Mord gipfelt.

Die Grundfrage, die Emants, der als einer der bedeutendsten Vertreter des Naturalismus in den Niederlanden gilt, immer wieder durchscheinen lässt, ist die, inwieweit ein Individuum für seine Biographie und für sein Handeln verantwortlich ist, die Grenze zwischen gesellschaftlichem Einfluss und charakterlichen Voraussetzungen einerseits und dem freien Willen und der Möglichkeit zur Entscheidung andererseits. Wird ein Mensch als böse geboren, oder wird er erst durch seine Lebensumstände böse gemacht?

Marcellus Emants zeichnet in „Das nachgelassene Bekenntnis” ein Psychogramm von eindringlicher Tiefe. Die von ihm beschriebenen psychischen Erscheinungen sind eng verbunden mit den Erscheinungen der „Dekadenz”, die für die Literatur der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht untypisch sind. Zugleich zeigt sich, dass es den heute so häufig diagnostizierten „Burn Out” schon damals gab, nur wurde er damals als Neurasthenie (bei Frauen meist als Hysterie) bezeichnet.

Fazit: Ein raffiniert konstruierter Roman mit großer psychologischer Tiefe um einen Protagonisten, der von der ersten bis zur letzten Zeile zutiefst unsympathisch bleibt.

Danke an das Bloggerportal von Randomhouse für das Rezensionsexemplar. Näheres zum Buch gibt es hier.

 

 

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