Vom tiefsten Grund des Meeres zurück ins Licht

Lange konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich wieder Blogbeiträge schreiben wollte. Jetzt habe ich mich dafür entschieden, es doch wieder zu versuchen – zumindest fühle ich wieder einen Anflug von Lust dazu. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass die Corona-Zwangspause mir innere Freiräume eröffnet. So richtig fühlt es sich noch nicht danach an. Aber vielleicht ändert sich das ja noch. Immerhin habe ich in den letzten Wochen viel lesen können und ein bisschen davon möchte ich gerne teilen.

Zeitreise durch Amsterdam

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In seinem Buch „Die vielen Leben des Jan Six” nimmt uns der niederländische Autor Geert Mak mit auf eine Zeitreise durch Amsterdam, die im 17. Jahrhundert beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Einen Roman hat Mak hier nicht vorgelegt, sondern eine brillante Familienbiographie, die sich sehr spannend liest.

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Bekenntnis eines Misanthropen

„Meine Frau ist tot und längst begraben.”

Mit diesem nüchternen Satz beginnt der 1894 erschienene Roman „Ein nachgelassenes Bekenntnis” des Niederländers Marcellus Emants, der zur Frankfurter Buchmesse 2016 in neuer Übersetzung erschienen ist. Willem Termeer, ein 35-jähriger Privatier, der hier monologisch seine Lebensgeschichte erzählt (oder vielleicht zutreffender: ein Geständnis ablegt) ist kein sympathischer Protagonist, nicht nur, weil er gesteht, seine Frau Anna getötet zu haben. Termeer ist ein Misanthrop, ein Getriebener. Menschliche Gesellschaft hält er kaum aus, er ist voller Selbstzweifel und Selbsthass. Die einzigen Dinge, die er tatsächlich schätzt, sind die Einsamkeit, abschließbare Räume und erotische Abenteuer.

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Die Last des Gewissens

Den russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch hat der britische Schriftsteller Julian Barnes in den Mittelpunkt seines Romans „Der Lärm der Zeit“ gestellt. Im inneren Monolog resümiert Schostakowitsch sein Leben in der Sowjetunion. Alle zwölf Jahre – immer in Schaltjahren – sieht sich der Komponist in besonderer Weise mit der Staatsmacht konfrontiert sieht: Die Ereignisse der Jahre 1936, 1948, 1960 und 1972 dienen Barnes als Einschnitt und Erzählanlass, in denen er seinen Protagonisten zurückblicken und über sein Leben reflektieren lässt.

Im Mittelpunkt stehen dabei weniger äußere Ereignisse, als die großen Fragen zu Gewissen und Macht, Angst, Feigheit und Verrat. Damit ist Barnes‘ Buch nicht nur ein einfühlsam geschriebener Künstlerroman, sondern viel mehr.

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Freiheit als Geschenk und Aufgabe

„Unsere Freiheit ist sowohl ein Geschenk als auch eine Aufgabe, an der wir ständig arbeiten müssen – obwohl wir letztendlich doch zum Scheitern verurteilt sind. Unsere Ambitionen und unsere Wünsche sind meist höher gesteckt als das, was wir im Leben erreichen können.“

Schon das letzte Buch von Carlo Strenger habe ich mit großem Gewinn gelesen. Genauso ging es mir jetzt mit seinem Essay „Abenteuer Freiheit“, für dessen Lektüre ich den glücklichen Umstand eines komplett freuen Urlaubstages nutzen konnte.

Was ist eigentlich das, was unsere Freiheit ausmacht und was sie gerade jetzt, im Zeitalter von Populismus und Fundamentalismus so wertvoll macht? Ist es die „Freiheit von“ oder vielleicht doch die „Freiheit zu“? Ist Freiheit etwas, auf das wir ein Anrecht haben? Oder müssen wir sie uns vielleicht doch hart erarbeiten? Was macht das Gestalten von Freiheit so schwierig und woher kommt die Furcht vor ihr, die vor allem in allen Fundamentalismen deutlich spürbar wird? Und reicht es wirklich, dem schönen Schein nachzugehen und die Freiheit vor allem zum hemmungslosen Konsum und zur Selbstoptimierung zu nutzen?

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12 von 12 die sechste

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Ich gebe zu: Das Jahr ist um. Meine zwölf Flatrate-Bücher sind alle gelesen, aber mit dem bloggen bin ich hoffnungslos hinterher. Das entmutigt mich allerdings nicht. Ich mache weiter, damit der SUVB*, der meinen Schreibtisch zu überwuchern droht, doch demnächst tendenziell abnimmt. Und was könnte nach all dem „Make America great again“ der letzten Tage besser geeignet zum vertexten sein, als ein Buch über Berühmtheit, Medienhypes, Literaturzirkusse, Schreibblockaden und nicht zuletzt Mord, das eben in God’s own country, den United States of America spielt? Joël Dickers umfangreicher Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ hat vor allem in Frankreich, wo es sogar für den renommierten Prix Goncourt nominiert war, für großes Aufsehen gesorgt. Was verbirgt sich hinter dem Hype? Und wie wird ein französisches Buch zu einem „Page-turner à l’américaine“ wie die NZZ die französische Kritik zitiert?

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Mord auf klassisch

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Die Klassikerstadt Weimar ist der Schauplatz des literarischen Debuts des Schauspielers, Regisseurs und Chansonniers Dominique Horwitz. Und Weimar ist nicht nur die Kulisse für eine mehr oder minder gut an die Gegebenheiten angepasste, aber ansonsten nahezu beliebig versetzbare Regionalkrimihandlung, die mit ein paar Lokalkolorit-Versatzstücken eigentlich überall spielen könnte, sondern sozusagen Hauptprotagonistin, denn eine so sehr von literarischen Zitaten gespickte Handlung wäre an einem anderen Ort wohl nicht denkbar.

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