Bekenntnis eines Misanthropen

„Meine Frau ist tot und längst begraben.”

Mit diesem nüchternen Satz beginnt der 1894 erschienene Roman „Ein nachgelassenes Bekenntnis” des Niederländers Marcellus Emants, der zur Frankfurter Buchmesse 2016 in neuer Übersetzung erschienen ist. Willem Termeer, ein 35-jähriger Privatier, der hier monologisch seine Lebensgeschichte erzählt (oder vielleicht zutreffender: ein Geständnis ablegt) ist kein sympathischer Protagonist, nicht nur, weil er gesteht, seine Frau Anna getötet zu haben. Termeer ist ein Misanthrop, ein Getriebener. Menschliche Gesellschaft hält er kaum aus, er ist voller Selbstzweifel und Selbsthass. Die einzigen Dinge, die er tatsächlich schätzt, sind die Einsamkeit, abschließbare Räume und erotische Abenteuer.

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Die Last des Gewissens

Den russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch hat der britische Schriftsteller Julian Barnes in den Mittelpunkt seines Romans „Der Lärm der Zeit“ gestellt. Im inneren Monolog resümiert Schostakowitsch sein Leben in der Sowjetunion. Alle zwölf Jahre – immer in Schaltjahren – sieht sich der Komponist in besonderer Weise mit der Staatsmacht konfrontiert sieht: Die Ereignisse der Jahre 1936, 1948, 1960 und 1972 dienen Barnes als Einschnitt und Erzählanlass, in denen er seinen Protagonisten zurückblicken und über sein Leben reflektieren lässt.

Im Mittelpunkt stehen dabei weniger äußere Ereignisse, als die großen Fragen zu Gewissen und Macht, Angst, Feigheit und Verrat. Damit ist Barnes‘ Buch nicht nur ein einfühlsam geschriebener Künstlerroman, sondern viel mehr.

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12 von 12 die sechste

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Ich gebe zu: Das Jahr ist um. Meine zwölf Flatrate-Bücher sind alle gelesen, aber mit dem bloggen bin ich hoffnungslos hinterher. Das entmutigt mich allerdings nicht. Ich mache weiter, damit der SUVB*, der meinen Schreibtisch zu überwuchern droht, doch demnächst tendenziell abnimmt. Und was könnte nach all dem „Make America great again“ der letzten Tage besser geeignet zum vertexten sein, als ein Buch über Berühmtheit, Medienhypes, Literaturzirkusse, Schreibblockaden und nicht zuletzt Mord, das eben in God’s own country, den United States of America spielt? Joël Dickers umfangreicher Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ hat vor allem in Frankreich, wo es sogar für den renommierten Prix Goncourt nominiert war, für großes Aufsehen gesorgt. Was verbirgt sich hinter dem Hype? Und wie wird ein französisches Buch zu einem „Page-turner à l’américaine“ wie die NZZ die französische Kritik zitiert?

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Mord auf klassisch

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Die Klassikerstadt Weimar ist der Schauplatz des literarischen Debuts des Schauspielers, Regisseurs und Chansonniers Dominique Horwitz. Und Weimar ist nicht nur die Kulisse für eine mehr oder minder gut an die Gegebenheiten angepasste, aber ansonsten nahezu beliebig versetzbare Regionalkrimihandlung, die mit ein paar Lokalkolorit-Versatzstücken eigentlich überall spielen könnte, sondern sozusagen Hauptprotagonistin, denn eine so sehr von literarischen Zitaten gespickte Handlung wäre an einem anderen Ort wohl nicht denkbar.

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Habe nun, ach …!

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Das klassische Faust-Thema (Mensch versus göttliche bzw. teuflische Kraft, das Streben nach Wissen, für das der Mensch sogar bereit ist, seine Seele zu verkaufen) übt schon seit Jahrhunderten eine besondere Faszination aus. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es zahllose literarische Umsetzungen und Bearbeitungen des Themas gibt – nicht nur die des Dichterfürsten Goethe.

Thea Dorn fügt mit ihrem Roman „Die Unglückseligen” dieser Vielzahl an Texten und Bearbeitungen eine weitere hinzu. Die Molekularbiologin Johanna Mawet hat ihr Leben der Abschaffung der Sterblichkeit gewidmet. Einen Wissenschaftspreis für die langlebigste genmanipulierte Maus hat sie bereits erhalten, als sie während eines Forschungsaufenthalts in den USA auf den verwahrlost wirkenden Johann trifft, der ihr versichert, dass er eigentlich der laut Wikipedia bereits 1810 verstorbene schlesische Physiker Johann Wilhelm Ritter sei, ein Zeitgenosse Achim von Arnims, Clemens von Brentanos und der Brüder Schlegel, den es tatsächlich gab, und der über die Jahrhunderte irgendwie am Leben geblieben sein will. Das komplett auf Vernunft gegründete Leben der hochrationalen Wissenschaftlerin Johanna Mawet kommt im Verlauf des Romans immer stärker ins Wanken. Sie bemüht sich mit allen Methoden darum, das Geheimnis von Johanns Unsterblichkeit zu ergründen, zunächst mit den wissenschaftlichen Methoden der Molekularbiologie, später auch mithilfe okkulter Praktiken. Als Johannas Kollegen am amerikanischen Forschungsinstitut zunehmend misstrauisch werden, fliehen die beiden nach Deutschland. Während Johanna alles versucht, um hinter das Geheimnis von Johanns Langlebigkeit und seiner auffallenden regenerativen Fähigkeiten zu kommen, beginnt Ritter zu hoffen, dass Johanna ihn aus dem Dilemma der Unsterblichkeit befreien kann. Aus der Geschichte, die als Wissenschaftsroman beginnt, wird zum Ende hin sogar noch eine Liebesgeschichte.

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12 von 12 – die Fünfte

Ich hatte es ja schon zugegeben: Mit dem Bloggen bin ich etwas im Rückstand. Aber nicht mit dem Lesen. Mein Juli-Buch ist eines, auf das ich wahrscheinlich ohne mein Geburtstagsgeschenk, die Buch-Flatrate, nie gestoßen wäre. Der Schauplatz von Aharon Appelfelds Roman „Alles, was ich liebte” ist Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Czernowitz, das heute in Rumänien liegt, ist eine Stadt, die in der deutschsprachigen Literatur eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt: Paul Celan, Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger und Gregor von Rezzori sind bei weitem nicht die einzigen Namen, die mit dieser Stadt verbunden sind, die eine Habsburger Vergangenheit par excellence hat (die Stadt gehörte früher zur Ukraine, hatte eine multikulturell zusammengesetzte Bevölkerung – neben Juden, Deutschen, Rumänen und Ukrainern lebten hier auch Polen) und die einstmals so reich war an jüdischem Leben.

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Was genau ist noch mal Realität?

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Wenn das Dorfidyll brüchig wird … Unterleuten ist überall.

Unterleuten, Seelenheil, Groß Väter und Beutel – diese Namen klingen nicht gerade nach Metropole. In Unterleuten siedelt Juli Zeh ihren gleichnamigen Roman an. Sie beschreibt einen Mikrokosmos, der zugleich anziehend als auch abstoßend wirkt. Hier finden sowohl seltene Vogelarten ihr Rückzugsgebiet, als auch Menschen, die nicht nur durch die DDR-Vergangenheit und die Veränderungen nach 1989 tief geprägt worden sind. Zusammengehalten werden diese sehr eigenwilligen Menschen durch ein sorgfältig austariertes Gleichgewicht gegenseitiger Gefälligkeiten und Verpflichtungen, sie sind zum Teil durch lang anhaltende Freundschaften aber auch durch weit zurückliegende Feindschaften eng miteinander verbunden.

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