Die Last des Gewissens

Den russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch hat der britische Schriftsteller Julian Barnes in den Mittelpunkt seines Romans „Der Lärm der Zeit“ gestellt. Im inneren Monolog resümiert Schostakowitsch sein Leben in der Sowjetunion. Alle zwölf Jahre – immer in Schaltjahren – sieht sich der Komponist in besonderer Weise mit der Staatsmacht konfrontiert sieht: Die Ereignisse der Jahre 1936, 1948, 1960 und 1972 dienen Barnes als Einschnitt und Erzählanlass, in denen er seinen Protagonisten zurückblicken und über sein Leben reflektieren lässt.

Im Mittelpunkt stehen dabei weniger äußere Ereignisse, als die großen Fragen zu Gewissen und Macht, Angst, Feigheit und Verrat. Damit ist Barnes‘ Buch nicht nur ein einfühlsam geschriebener Künstlerroman, sondern viel mehr.

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12 von 12 – die Fünfte

Ich hatte es ja schon zugegeben: Mit dem Bloggen bin ich etwas im Rückstand. Aber nicht mit dem Lesen. Mein Juli-Buch ist eines, auf das ich wahrscheinlich ohne mein Geburtstagsgeschenk, die Buch-Flatrate, nie gestoßen wäre. Der Schauplatz von Aharon Appelfelds Roman „Alles, was ich liebte” ist Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Czernowitz, das heute in Rumänien liegt, ist eine Stadt, die in der deutschsprachigen Literatur eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt: Paul Celan, Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger und Gregor von Rezzori sind bei weitem nicht die einzigen Namen, die mit dieser Stadt verbunden sind, die eine Habsburger Vergangenheit par excellence hat (die Stadt gehörte früher zur Ukraine, hatte eine multikulturell zusammengesetzte Bevölkerung – neben Juden, Deutschen, Rumänen und Ukrainern lebten hier auch Polen) und die einstmals so reich war an jüdischem Leben.

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Wenn der „Zauberer” zur Romanfigur wird

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Auch wenn Thomas Mann hier nur wenige Jahre seines Lebens verbracht hat, gibt es wohl keine andere Stadt, die so sehr mit ihm verbunden wird wie Lübeck.

Hanseatisch-trocken, distanziert, von der eigenen Größe überzeugt, den Gegensatz Leben-Kunst als Bestandteil des eigenen Lebens vor Augen und dabei ein genialer Beobachter und Beschreiber des menschlichen Mikrokosmos: Das sind nur einige der Versatzstücke, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an Thomas Mann denke. Vieles verbinde ich mit diesem Namen: Unzählige Stunden faszinierender Lektüre, eine Sprache reich an Bildern und viele skurrile Figuren. Was aber wenn der „Zauberer” (so nannten ihn seine Kinder) selbst zur Romanfigur wird und wenn sich um ihn herum nicht nur seine Familienmitglieder, sondern auch seine Protagonisten tummeln? Und was, wenn dieser Roman auch noch ein Stück deutsche Geschichte und Mentalität mit lebendig werden lassen will? Ist ein solches Projekt reiner Voyeurismus (Was wissen wir von der wohl best erforschten deutschen Familie nach unzähligen Büchern und Dokumentarfilmen immer noch nicht? Gibt es noch unbekannte Leichen in verborgenen Kellern?) und damit von vornherein als literarisch manieriertes Spielchen zum Scheitern verurteilt, oder kann ein solcher Roman auch uns den Spiegel vorhalten? Hans Pleschinski unternimmt in seinem viel gelobten Roman „Königsallee” den Versuch, den „Großschriftsteller” und seine nach eigenem Bekunden letzte Liebe, Klaus Heuser, mit Leben zu erfüllen.

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Zwei Drittel einer Trilogie

Wieder wird es britisch – und schon wie beim letzten Mal („Der Pfau”) hat Isabel Bogdan wieder ihre Finger im Spiel, dieses Mal als Übersetzerin. Zwar ist Jane Gardams „Old Filth”-Trilogie noch nicht vollständig auf Deutsch erschienen, aber die ersten zwei Bände habe ich bereits gelesen und ich verrate vielleicht noch nicht zu viel, wenn ich gleich klarstelle, dass ich mich schon sehr auf den dritten Band freue. „Ein untadeliger Mann” und „Eine treue Frau” sind die Titel unter denen die beiden ersten Bände erschienen sind.

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Märchenhaft, multiperspektivisch und vielschichtig

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Ob das von mir fotografierte säulenähnliche Grünobjekt tatsächlich ein Machandelbaum (vulgo: Wacholder) ist, möchte ich nicht beschwören. Aber in Verbindung mit dem blühenden Flieder ist er auf jeden Fall hübsch …

„Alles, was geschehen kann, ist auch in Machandel geschehen.“

Ein gutes Motto für einen Roman, der über vierzig Jahre Geschichte und Geschichten erzählt. Machandel – das ist der Titel von Regina Scheers Roman, den ich eigentlich schon lange lesen wollte. Mich fasziniert die Frage des Erinnerns und das Nachdenken darüber, wie verdrängte und verschwiegene Erinnerungen das Weiterleben beeinflussen. Und genau diese Fragen stellt sich auch Regina Scheer in ihrem Roman „Machandel“, in dem sie einen Familiengeschichten-Bogen von den 1930er Jahren bis in die 1990er Jahre spannt.

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Viel mehr als nur „Nazi-Jäger“ und eine Ohrfeige

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Viel mehr als nur ein Erinnerungsband …

Es ist ein dickleibiges Buch geworden: Mehr als 600 Seiten umfassen die Erinnerungen, die Beate und Serge Klarsfeld gemeinsam geschrieben und herausgegeben haben. Trotz seines Umfangs liest es sich jedoch ausgesprochen spannend. Es ist viel mehr als ein reiner Erinnerungsband, es ist ein echtes Zeitdokument, das über mehr als sechs Jahrzehnte Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur und Vichy-Frankreichs berichtet und das zugleich einen einzigartigen Einblick in die Entstehung der europäischen Nachkriegsordnung gestattet. Weiterlesen